Giovanni Canaletto (Giovanni Antonio Canal) (1697–1768) und sein Neffe Bernardo Bellotto (1721–1780) gehören zu den bedeutendsten Vedutenmalern des 18. Jahrhunderts. Die beiden Venezianer, der als Canaletto bekannte Maler Venedigs und dessen jüngerer Neffe Bellotto, der als Hofmaler in Wien tätig war, stehen im Zentrum der Frühjahrsausstellung 2026 im Kunsthistorischen Museum vom 24. März bis 6.September 2026. Die Ausstellung versammelt 32 Gemälde und zwei Zeichnungen aus der Wiener Sammlung, ergänzt durch Leihgaben aus Venedig, London, Warwickshire, Prag, Budapest, Dublin, Stockholm, Madrid, der Sammlung dea Fürsten von und zu Liechtenstein und Warschau.
Zwei Künstler, drei Städte, drei Perspektiven
Die Vedutenmalerei nahm mit Canaletto ihren Anfang in Venedig. Dabei handelt es sich um eine Sonderform der Landschaftsmalerei, bei der Stadtansichten, die auf Italienisch „vedute“ genannt werden, ins Zentrum des Interesses rücken. Sie erfreuten sich im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit vor allem bei Reisenden. Allen voran sind hier die britischen Adeligen auf Bildungsreise, der sogenannten Grand Tour zu nennen. Sie suchten nach bildlichen Souveniers, in denen die Schönheit oder auch die Geschichte des heutigen Italien verewigt und inszeniert sind. Wenn auch Canaletto nicht der einzige Vedutenmaler im Venedig des 18. Jahrhunderts war, so prägten seine Ansichten der Lagunenstadt doch das Genre nachhaltig.
Was macht Canalettos Venedig-Veduten so außergewöhnlich? Antonio Canal wurde 1697 als Sohn eine eines Theaterbühnenbildners geboren. Früh lernte er deshalb, wie man die Perspektive nutzt, um Tiefenraum illusionistisch zu erzeugen. 1720 wandte sich Canletto der Malerei zu und konnte als Pionier der Vedute ein internationales Publikum überzeugen. Als Maler verband er optische Genauigkeit mit künstlerischer Fantasie und schuf einzigartige Bilder des zeitgenössischen Venedig, die wie Bühnen für kleine Figuren erscheinen. Dabei wählte er geschickt auch jene Momente im Jahresverlauf, die die frühen Touristen interessierten: geschäftige Menschen an den Kais oder am Canal Grande. Manchmal zeigt er auch die Prozession der zeremonielle Barke des Dogen – „Der Bucintoro“ (1745/50, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid) – zur Adria. Das Venedig von Canaletto erstrahlt im schönsten Sonnenlicht und steht für republikanische Tugend, Seemacht und zeremonielle Pracht.
Und wer war Bellotto/Canaletto? Um die Geschichte noch komplizierter zu machen, nannte sich Canalettos Neffe, der bei seinem Onkel auch ausbildet wurde ebenfalls „Canaletto“. Unter dem bereits bekannten Künstlernamen wurde auch Bernardo Bellotto ein berühmter Vedutenmaler. Vermutlich wollte Bellotto mit dieser Namensgleicheit seine künstlerische Herkunft betonen. Dass er später auch als arrivierter Künstler sich keinen eigenen Namen gemacht hat, überrascht dann doch. Deshalb wurde Bellotto über viele Jahrhunderte hinweg und zur Verwirrung aller wie sein Onkel gerufen. In den letzten Jahren hat sich jedoch durchgesetzt, ihn mit seinem Taufnamen Bernardo Bellotto anzuführen.
Gemeinsam schafften es Onkel und Neffe, das Genre der Vedutenmalerei im Europa des 18. Jahrhunderts zu etablieren. Ihre Reisen führten sie nach London (Canaletto) sowie über Dresden nach Wien und Warschau (Bellotto). Dies soll in der KHM-Ausstellung gezeigt werden. Neben ausgewählten Werken der berühmten Venezianer bietet die Schau faszinierende Einblicke in das Wechselspiel von Kunst, Urbanität, Wissenschaft und Gesellschaft im 18. Jahrhundert.
Canaletto und die Camera obscura
Um Präzision zu erreichen, nutzten Vedutenmaler optische Geräte wie die Camera obscura, die eine Ansicht durch eine Linse in einem abgedunkelten Raum auf eine flache Oberfläche projizierte und so ein Abpausen ermöglichte. Im 18. Jahrhundert nahm das Interesse an der Optik stetig zu, befördert durch Schriften, die das menschliche Auge mit einer Kamera verglichen – darunter jene des englischen Physikers Isaac Newton mit dem Titel „Opticks“ (1704) und Jean Antoine Nollets „Leçons de Physique expérimentale“ (1764).1 Canaletto besaß möglicherweise die im KHM gezeigte Kastenkamera aus dem Museo Correr in Venedig (auf der sein Name „A[NTONIO]. CANAL“ aufgestempelt ist),2 Allerdings sind keine Zeichnungen auf transparentem Papier von Canaletto erhalten, was nahelegt, dass er wohl mit kabinen- oder zeltförmigen Kameras gearbeitet hat. Alle mit Hilfe einer Camera obscura gestalteten Zeichnungen Canalettos, darunter auch das sogenannten „Quaderno“ aus den 1730ern, ein Skizzenbuch Canalettos (Gallerie dell’Accademia in Venedig), sind auf undurchsichtigem Papier ausgeführt.3 Vor kurzem konnte Philip Steadman nachweisen, dass Canaletto eine Zeltkamera verwendet haben dürfte.4 Damit konnte der Künstler bequem an einem Tisch sitzend, das Abbild der Realität über ein Rohr (vergleichbar einem Periskop/Sehrohr in einem U-Boot) mit einem Spiegel nach unten projizieren und direkt nachzeichnen.5
Sind Canalettos Bilder eigentlich Reproduktionen vor Erfindung der Fotografie? Nein, denn der Venezianer veränderte die Motive nach künstlerischen Kriterien. Trotz solcher verfeinerte Canaletto das Abgepauste stets mit seiner eigenen Erfindungsgabe: Er verschob Gebäude, passte Proportionen an und kombinierte mehrere Blickwinkel zu einer stimmigen Szenerie. Dadurch „verbesserte“ der Maler das Stadtbild, das er mit Hilfsmittel wie der Camera obscura und Zeichnungen seines Freundes, dem Architekten und Maler Antonio Visentini (1688–1782), erstellt hatte. Damit rückt auch das Capriccio, mit dem sich Canaletto in den 1760ern beschäftigte, in die Nähe der Veduten. Waren diese beiden Motivkategorien bisher streng getrennt, so können sie über die Arbeitspraxis des Künstlers nun miteinander verbunden werden: Gestaltete Canaletto am Beginn seiner Laufbahn Stadtansichten aus Gesehenem, Nachgezeichnetem und Kopien von Zeichnungen seiner Freunde gefälliger, löste er sich in seinen späten Jahren von der Realität und nutzte das Formenrepertoire zu freien Fantasiestücken, den Capricci.
Venedig als Meisterwerk
Canaletto feierte Venedig in seinen Veduten als kulturelles und urbnistisches Meisterwerk. Auf der Höhe seines Ruhms inszenierte er die Lagunenstadt als ihr erster Vedutenmaler: topographisch exakte Szenerie, malerische Staffage und eine strahlende, rokokohaft gefärbte Helligkeit verbinden sich zu jenem Bild der Stadt, das die Kunstliebhaber vom 18. Jahrhundert bis heute so sehr schätzen. Die reizvolle Panoramawirkung und topographische Exaktheit erzielte Canaletto durch Verwendung der Camera Obscura. Das so gewonnene Kompositionsgerüst malte er dann detailliert aus, ergänzte pittoreske Szenen aus dem Volksleben und tauchte die Stadt in strahlendes Mittagslicht.
Bellotto lernte seine Kunst in der Werkstatt des Onkels. Die Mitarbeit führte ihn in die Geheimnisse der Vedutenmalerei und der Perspektivkonstruktion ein, während sich sein Kolorit allerdings als dunkler zeigt. Hatte Canaletto noch das Strahlen auf die Leinwand gebracht, so konzentrierte sich Bellotto auf schärfere Licht-Schatten-Kontraste (ital. chiaroscuro). Hatte sein Onkel vor allem mit britischen Kunsthändlern zusammengearbeitet, so streckte Bellotto früh seine Fühler in Richtung des kontinentaleuropäischen Adels aus: In seinem großen Gemälde des Canal Grande könnte Prinz Friedrich Christian von Sachsen abgebildet sein, der 1739 bis 1740 Venedig besuchte (die von zwei Gefährten begleitete Figur unten rechts). Falls diese Identifikation zutrifft, belegt das Werk, wie sich Bellotto den hohen Herren andiente. Ähnlich wie sein Onkel nutzte Bellotto die Staffagefiguren, um die abgebildeten, ja inszenierten Städte zu beleben. Indem er sich der Schilderung sozialer Realitäten stärker widmete, ging er jedoch über Canalettos Konzept hinaus.
Canaletto und London (1746–1755)
Der Österreichische Erbfolgekrieg (1740–1748) führte zu einem Versiegen der touristischen Aktivitäten, so dass Canaletto die Idee entwickelte, seine Kunst in England auszuüben. Der Venezaner hielt sich ab 1746 neun Jahre lang in London auf, wo er auf eine Stadt im Umbruch traf, die sich als Hauptstadt eines globalen Imperiums ihm darbot.
Mit seinen London Veduten zählte Canaletto zu den ersten, die Architektur, Parks und Zeremonien als Symbole nationaler Identität darstellten. So erinnert „London: Die Themse am Tag des Lord Mayor“ (um 1748, The Lobkowicz Collections, Prag) zeigt er die vergoldete Barke des Bürgermeisters unterhalb der St. Paul’s Cathedral frappant an „Der Bucintoro“ und Wrens protenstantische St. Paul's an den Petersdom in Rom. Wie auch schon die Venedig-Ansichten sind auch die London-Bilder realistisch, ohne den Anspruch auf Wirklichkeitswiedergabe allzu streng zu nehmen. Immer handelt es sich um sorgfältige Inszenierungen, um künstlerisch gleichsam verbesserte Bilder der Stadt.
In England malte Canaletto vor allem London, wandte sich aber auch Landschlössern wie Warwick Castle zu. Im Jahr 1748 beauftragte ihn Lord Brooke, seinen Stammsitz im Zuge von Renovierungsarbeiten darzustellen. Canaletto zeigt die Burg mit neuen Fenstern, umgestalteten Gärten und dem kanalartig überformten Fluss Avon – mitsamt Gondel. Trotz solch prominenter Aufträge hatte Canaletto jedoch mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. 1755 kehrte er nach Venedig zurück, wo er 1768 verarmt starb.
Bellotto und Dresden (1748–1759)
Ein Jahr, nachdem sein Onkel in Richtung London abgesegelt war, verließ auch Bellotto Venedig. Er reiste nach Sachsen, um Hofmaler bei August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen zu werden. Dies garantierte ihm ein regelmäßiges Einkommen, ja der Kunstliebhaber zahlte ihm sogar ein großzügiges Gehalt. Der Maler revanchierte sich mit heute berühmten Ansichten der Stadt, die heute - wie in Wien - als Canaletto-Blick bezeichnet werden und die Stadtentwicklung prägen. Erneut waren es kriegerische Ereignisse, die das Leben Bellottos nachhaltig beeinflussten: Anfang 1759 brach er in Begleitung seines Sohnes nach Wien auf, um neue Gönner zu suchen. Seine Frau und Töchter ließ er im umkämpften Dresden zurück.
Bellotto und Wien (1759–1761): Politische Ansichten und baukünstlerisches Juwel
Als Bellotto im Jänner 1759 in Wien ankam, regierten Kaiser Franz Stephan und Maria Theresia die hochbarocke Stadt. Der Künstler hinterließ auch in der Reich-Haupt- und Residenzstadt der Habsburger eindrucksvolle Veduten von Palästen, plätzen sowie Kirchen und der Wiener Universität. Nur kleine Details lassen erahnen, dass sich die Monarchie gerade in einer Krise befindet, ausgelöst vom Siebenjährigen Krieg (1756–1763).
Besonders beliebt sind Bellottos Ansichten von Schönbrunn. Schloss und Park zeigen sich in ihrer prächtigsten Ausführung. Gleichzeitig darf man aber nicht übersehen, dass es sich um Symbole von Macht und Erfolg handelt. Bellotto integrierte in die Schönbrunn-Ansicht den in seiner Kutsche ankommenden Graf Kinsky, der von Höflingen und Dienern am Vorplatz begrüßt wird. Er überbringt die Nachricht vom Sieg Österreichs über Preußen bei Kunersdorf 1759. Dennoch wurde Bellottos Wunsch zum Hofmaler ernannt zu werden nicht erfüllt.
Neben der Architektur spielen in Bellottos Wien-Bildern die Barockgärten eine herausragende Rolle. In der Vorstellung der Zeit erweiterte der Garten die geometrische Ordnung vom Haus in die Natur; die ersten Entwerfer kamen aus dem Bereich der Tapisserie-Entwerfer und Dekorateure. Geometrie, Gartenarbeit und kaiserliche Autorität fügen sich zur Vision einer geordneten Gesellschaft, wie Kurator Mariusz Mayer betont. Lustwandeln die bedeutenden Adeligen im Sonnenlicht, bewegen sich die Arbeiter oft im Dunkeln. Kinder fehlen meist, sozial unerwünschtes Verhalten auch.6
Eines der berühmtesten Bilder Belottos zeigt den sogenannten Canaletto-Blick vom Oberen Belvedere auf die Stadt Wien. Das Gartenapalais von Prinz Eugen (→ Prinz Eugen. Feldherr, Philosoph und Kunstfreund) war von Maria Theresia aus seinem Nachlass erworben worden - wie auch Schloss Hof. Mit seinem Blick vom Piano Nobile in Richtung Stephansdom vereint das Bild genaue Beobachtung, gemessene Perspektive und bewusste topografische Anpassung. So rückte der Maler die Karlskirche (links) und die Salesianerinnenkirche (rechts) näher zusammen. Gleichzeitig wirken die Kirchtürme der Stadt steiler und lenken so den Blick nach innen und oben.
Bellottos Veduten können als Ausdruck der Aufklärung gedeutet werden. Just zu jener Zeit hatte sich Wien zu einem Zentrum der Wissenschaften entwickelt (vgl. Gerard van Swieten und die Medizin, die Astronomie der Jesuiten). Die durch van Swieten reformierte Universität befand sich damals neben der Jesuitenkirche (heute: Akademie der Wissenschaften). In zwei Ansichten stellte Bellotto das Universitätsviertel dar. Damit würdigte er das Jesuitenkolleg und die neue Aula mitsamt ihrer Sternwarte (leider nicht erhalten). Bereits in Venedig hatte er die Empfehlung des Universalgelehrten und Freundes seines Onkels Francesco Algarotti gelernt, die Natur wie ein Wissenschaftler zu studieren. In Wien konnte er beide Aspekte, Naturstudium und Wissenschaft, miteinander vereinen.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Wien zu jener barocken Stadt, die heute noch in vielen Palais und Kirchen nachempfindbar ist. Ausgehend von der fürstlichen Familie Liechtenstein etablierte sich die Tradition von Stadt- und Gartenpalais, wobei letztere bereits außerhalb der Befestigungsanlage gelegen sind. Dadurch erhielten die Adeligen die Möglichkeit, weitläufige Gärten mit Terrassen, Skulpturen und kleinen Belvedere-Gebäuden oder gar Grotten anzulegen. Als Ausdruck von Macht und Wohlstand umringten die Gartenpalais die Stadt wie eine Perlenkette und waren Schauplätze bedeutender Feste und Hochzeiten. Aus den beiden Bildern Bellottos, die er für den Fürsten von Liechtenstein gestaltete, lässt sich einiges ablesen: Der Blick auf Kahlenberg und Leopoldsberg können als politische Aussage (Belagerung durch das osmanische Heer 1683) gelesen werden. Während der gealterte Fürst vor einem wenig gepflegten Barockgarten posiert, wird er von einem dunkelhäutigen Pagen begleitet. Ob es sich hierbei um den berühmten Angelo Soliman handelt, der im Dienst des Fürsten stand, kann nicht bestätigt werden. Aristokratische Repräsentation beruhte also nicht nur auf Verfeinerung und Kultiviertheit, sondern auch auf Unterwerfung von Natur, Landsleuten und Fremden, wie der Kurator betont.
Wiener Gesellschaft, gesehen von Bellotto
Haben wir bisher der ersten Gesellschaft, dem Adel, das Wort geredet, indem wir uns auf die Architektur-Porträts von Bellotto konzentriert haben, so widmet die Ausstellung auch den unterrepräsentierten Gesellschaftsschichten ein eigenes Kapitel. Das Leben Wiens zeigt sich sowohl in einer Prozession vor der Schottenkirche (ein Fronleichnamszug oder vielleicht doch ein Umzug einer Bruderschaft mit einem Reliquiar?) wie auch in einer Marktszene mit unterschiedlichsten Typen. Bei genauer Betrachtung zeigt sich eine diverse Bevölkerung, die ihren Geschäften nachgeht.
Man kann das Bild vom Mehlmarkt als eine Inszenierung von Geschäftigkeit empfinden, oder auch die körperliche Anstrengung sehen, die zum Bau und Erhalt einer Haupstadt nötig sind. Links die Kapuzinerkirche ist noch gut im heutigen Stadtbild erkennbar, die anderen Barockfassaden wurden im 19. Jahrhundert historistisch überbaut. Namensgebend war die „Mehlgrube“, deren Keller als Getreidelager und die Obergeschoße für Bälle genutzt wurden. Die barocke Vorstellung von Frömmigkeit, Leben und Tod findet vor allem in der Darstellung des Palais Lobkowitz einen Höhepunkt. Hier zeigt Bellotto das titelgebende Stadtpalais im Sonnenlicht, während das Bürgerspitsal im Schatten liegt. Dazwischen gemahnen das Missionskreuz der Kapuziner und der Stephansdom an Frömmigkeit und Sterblichkeit. Ein Mädchen mit Krücke steht sinnbildlich für Not, Elend und Krankheit. Ob Bellotto damit eine sozial-politische Aussage treffen wollte, muss offen bleiben. Da er diese Figuren als Teil der Gesellschaft zeigt, thematisiert er ihren Status nicht eigens, sondern schildert sie als übliche Begegnungen im Stadtbild.
Schloss Hof und das Marchfeld
In drei großformatigen Gemälden zeigt Bellotto das im marchfeld liegende Schloss Hof - wie auch das Belvedere seit 1755 im Besitz von Maria Theresia und Franz Stephan. Der venezianische Maler zeigt das Anwesen von drei Seiten: die Gartenansicht, den Ehrenhof und die Nordseite. In der Gartenansicht erscheinen Aristokraten, Gärtner und verarmte Figuren in einer von rhythmisch erhöhten Terrassen, Wasserspielen und formgeschnittenen Bäumen geometrisch geordneten Landschaft. In der Ansicht des Ehrenhofs lassen Adelige, Bedienstete und Landstreicher höfische Pracht und Alltag verschmelzen, während jene der Nordseite den befestigten Baukörper des Schlosses betont, dessen Terrassen an eine über der Flussebene thronende Grenzfeste erinnern.
Am Zusammenfluss von March und Donau liegt die Festung Theben/Devín. Bellotto zeigt die Burg mit Schloss Hof am Horizont. Das Werk erscheint einzigartig im OEuvre des Künstlers, sind hier doch Ruin und Verletzlichkeit so deutlich zu erkennen wie sonst nie. Es wäre auch eine autobiografische Deutung möglich. Auch wenn die Wien-Ansichten den Künstler heute berühmt machen, so blieb ihm doch eine Anstellung bei Hofe verwehrt. Von seiner in Dresden zurückgelassenen Familie getrennt, musste Bellotto mit Finanznöten kämpfen und verließ deshalb das Habsburgerreich Anfang 1761.
Bellotto nach Wien
1761 reiste Bellotto nach München ab. Maria Theresia gab ihm ein Empfehlungsschreiben an ihre Cousine, die Prinzessin von Bayern, mit (ausgestellt). Nach einem kurzen Aufenthalt kehrte der Maler allerdings in das von Krieg verwüstete Dresden zurück. Nichts war mehr so wie in den 1750er Jahren; anstelle einer Hofanstellung lehrte Bellotto Perspektive an der Dresdner Akademie, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In „Die Ruinen der Pirnaischen Vorstadt“ hält er diese Zerstörung fest, wobei grasende Schafe, ein Hirte und verwilderte Vegetation Widerstandsfähigkeit suggerieren.
Im Jahr 1767 verließ Bellotto Dresden erneut, diesmal in Richtung Warschau, wo er sich wieder die Position eines Hofmalers sicherte und fortan seine Beobachtungs- und Kompositionsgabe in xden Dienst des polnischen Königs stellte. Eine Architekturfantasie - „Architektonisches Capriccio mit Selbstporträt des Künstlers im Gewand eines venezianischen Edelmanns“ (um 1765, Das Königliche Schloss in Warschau – Museum) - könnte ein Selbstbildnis des Künstlers in Rot zeigen. Mit einem Antikenzitat an der Säule dahinter unterstrich er die schöpferische Freiheit:
„Maler und Dichter hatten stets die gleiche Freiheit zu wagen, was ihnen beliebt. [Pictoribus atque poetis quidlibet audendi semper fuit aequa potestas]“7 (Horaz, Ars poetica)
Weitere Infos hier
Foto: Canaletto, Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore aus, 1735/44
© Wallace Collection, London, UK / Bridgeman Images
