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Zwischen Oper und Roulette: Die Geschichte europäischer Kurhäuser

Kurhäuser bilden bis heute die gesellschaftlichen Zentren vieler europäischer Badeorte. Hinter den oft monumentalen Fassaden entstanden seit dem späten 18. Jahrhundert Räume für Konzerte, Empfänge, Lektüre und Glücksspiel. In Baden Baden, Wiesbaden, Karlsbad oder Monte Carlo trafen sich Kurgäste, Adelige, Künstler und wohlhabende Reisende zwischen Wandelhalle und Spielsaal. Doch seit dem 18. Jahrhundert hat sich vieles verändert. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie aus den Orten der Heilung Bühnen des europäischen Gesellschaftslebens wurden.

Medizinische Kuren und die Kraft des mineralischen Wassers

Lange bevor Kurhäuser zu Treffpunkten der europäischen Oberschicht wurden, standen in den Badeorten medizinische Fragen im Mittelpunkt. Menschen reisten wegen warmer Quellen, mineralhaltigem Wasser und der Hoffnung auf Heilung nach Baden Baden, Karlsbad oder Marienbad.

Ärzte empfahlen Aufenthalte dort gegen Hautkrankheiten, Verdauungsprobleme, Gicht oder sogenannte Nervenleiden. Aus diesen frühen Kurbetrieben entwickelten sich im 18. Jahrhundert die ersten Kurhäuser. Der Begriff Kur geht auf das mittelhochdeutsche Wort „kur“ zurück und meinte ursprünglich Fürsorge oder Heilbehandlung.

Gemeint war damit keine Erholungsreise, sondern eine medizinische Maßnahme unter ärztlicher Aufsicht. Viele Anwendungen folgten daher festen Regeln nach damaligen medizinischen Vorstellungen. Gäste mussten beispielsweise zu bestimmten Uhrzeiten Wasser trinken, Bäder nehmen oder lange Spaziergänge absolvieren.

Mineralquellen galten damals als natürliche Heilmittel. So wurde beispielsweise schwefelhaltiges Wasser gegen Hautkrankheiten eingesetzt, eisenhaltige Quellen gegen Blutarmut oder salzhaltige Bäder gegen Beschwerden der Gelenke. Insbesondere in Karlsbad entstand damals zudem schon früh eine ausgeprägte Trinkkur.

Das warme Wasser der Quellen sollte nach dem Trinken den Stoffwechsel anregen und den Körper reinigen. Dadurch sollte der Körper wieder in sein Gleichgewicht finden, während ein körperliches Ungleichgewicht als Ursache verschiedener Krankheiten verstanden wurde. 

Um die wachsende Zahl medizinischer Gäste zu organisieren, entstanden größere Gebäude rund um die Badeanlagen. Dort wurden Trinkkuren, Speisesäle, Aufenthaltsräume und später auch Veranstaltungsräume gebündelt. Daraus entwickelten sich die ersten Kurhäuser Europas.

Morgens Heilbad, abends Roulette

Wie wurden also aus medizinischen Bädern Orte des Glücksspiels? Zu jener Zeit waren Glücksspiele keineswegs weit verbreitet. Während heute ein Online Casino nur einen Klick entfernt ist, gab es bis ins 19. Jahrhundert hinein nur in wenigen Städten überhaupt legale Spielstätten.

Deutschland existierte damals noch nicht als Nationalstaat, sondern bestand aus vielen einzelnen Staaten mit eigenen Gesetzen. In vielen Regionen waren Glücksspiele verboten oder nur unter strengen Auflagen erlaubt. Selbst staatliche Lotterien gab es damals noch nicht so, wie wir sie heute kennen

Viele der damals bekannten Glücksspiele kamen zunächst aus Frankreich oder Italien. Roulette entwickelte sich im Frankreich des 18. Jahrhunderts, Baccarat wurde ebenfalls vor allem in Frankreich populär, Karten- und Würfelspiele verbreiteten sich über europäische Adelshöfe.

In die Kurorte gelangten diese Spiele vor allem deshalb, weil dort wohlhabende Reisende aus ganz Europa zusammentrafen. Wer mehrere Wochen zur Kur blieb, erwartete nicht nur medizinische Anwendungen, sondern auch Unterhaltung am Abend. So entstanden Spielsäle oft direkt in den Kurhäusern, denn die Gäste hielten sich ohnehin dort auf.

Tagsüber standen also Trinkkuren, Bäder oder Spaziergänge auf dem Programm, abends traf man sich dann in Sälen, bei Konzerten oder eben am Roulettetisch. Für viele Kurorte wurde das schnell zu einer wichtigen Einnahmequelle. Die Spiele brachten Geld in Städte, die oft nur vom Kurbetrieb lebten.

Schon früh ein starker Wirtschaftsfaktor

Manche Fürsten erlaubten Glücksspiel deshalb ganz bewusst in Badeorten, obwohl es anderswo verboten blieb. In vielen Teilen des damaligen Deutschen Bundes waren öffentliche Spielstätten lange verboten oder stark eingeschränkt. Kurorte bildeten eine Ausnahme, weil sie wirtschaftlich immer wichtiger wurden.

Die Einnahmen aus Roulette, Kartenspielen und anderen Einsätzen flossen oft direkt in die Entwicklung der Städte. Damit entstand erstmals ein dauerhaft organisierter Spielbetrieb mit festen Häusern, Regeln und staatlicher Aufsicht.

Glücksspiele waren nicht mehr nur provisorische Angebote auf Jahrmärkten oder an Adelshöfen, sondern wurden Teil des öffentlichen Lebens in den Kurstädten. Viele Orte professionalisierten den Betrieb schnell. Es gab Öffnungszeiten, Kleiderordnungen und kontrollierte Spielsäle.

Aus diesen frühen Kur-Casinos entwickelte sich schrittweise das legale Glücksspiel im deutschsprachigen Raum. Die Spielangebote in Baden-Baden oder Bad Homburg galten im 19. Jahrhundert als Vorbilder für andere europäische Städte. 

Das Ende der ersten Kur-Casino Ära 

Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 änderte sich die Haltung gegenüber Glücksspiel radikal. In der Reichsgewerbeordnung wurde der Betrieb öffentlicher Glücksspiele verboten, da das Glücksspiel politisch und moralisch zunehmend als sittenwidrig galt und der Staat die privaten Casino-Geschäfte nicht länger dulden wollte.

Mit dem Verbot brach deshalb der Glücksspiel-Betrieb der Kurhäuser plötzlich vollständig weg. Die Einnahmen aus dem Glücksspiel fehlten den Städten, nachdem mit ihnen zuvor Parkanlagen, Theater, Musikprogramme und repräsentative Gebäude finanziert worden waren. 

Mit den damals neuen Gesetzen wurden Glücksspiele aber nicht nur verboten, sondern auch erstmals unter Strafe gestellt. Das betraf vor allem auch die Organisation öffentlicher Glücksspiele oder auch nur die Bereitstellung von Räumlichkeiten für diese. 

Die Kurhäuser selbst blieben nach dem Verbot zwar bestehen, doch ihre Rolle veränderte sich entsprechend. Aus Häusern, in denen sich medizinische Kuren, gesellschaftliche Unterhaltung und Glücksspiel über Jahrzehnte vermischt hatten, wurden wieder rein klassische Kur- und Veranstaltungshäuser.

Neben Bädern und Wasserkuren standen als Unterhaltungsprogramm nun nur noch klassische Konzerte, Opern, Lesungen, Empfänge und Theaterabende auf dem Programm.

Erneute Einzug des Glücksspiels in die Kurhäuser

Erst in den 1930er Jahren durften in Deutschland wieder Spielstätten öffnen. Das alte Verbot wurde nicht einfach aufgehoben, sondern durch ein System ersetzt, in dem der Staat den Betrieb zuließ und zugleich eng überwachte. Baden Baden nahm den Spielbetrieb früh wieder auf und knüpfte damit an seine frühere Rolle als bekannter Kurort mit Casino an.

Allerdings unterbrach der Zweite Weltkrieg die Entwicklung und den Betrieb vieler Häuser, und erst nach 1945 entstand dann ein breiteres Angebot, welches sich im Laufe der Jahrzehnte fester etablieren würde. In den späten vierziger und fünfziger Jahren öffneten mehrere Standorte neu oder nahmen ihren Betrieb wieder auf.

Die Verbindung zwischen Spielstätte und Heilbetrieb blieb dabei nur noch teilweise bestehen. Viele historische Gebäude wurden weiter für Konzerte, Empfänge, Theater, Lesungen und Kurbetrieb genutzt, während das Casino stärker als eigener Betrieb auftrat. 

Es hatte eigene Genehmigungen, eigene Aufsicht und eine wirtschaftliche Funktion, die nicht mehr so eng mit der medizinischen Kur verbunden war wie im 19. Jahrhundert. Bis heute sieht man diese Trennung in vielen Badeorten. Die Kurhäuser stehen weiter im Zentrum, oft als Kulturhäuser oder Veranstaltungsorte.

Die Casinos existieren daneben, manchmal noch im selben Gebäudekomplex, manchmal räumlich getrennt. Aus dem alten Nebeneinander von Heilbad, Gesellschaft und Spiel wurden zwei verschiedene Welten, die nur noch historisch miteinander verbunden sind.

Foto: https://pixabay.com/photos/bad-sassendorf-spa-saline-2406127/