The Phoebus Foundation zu Gast
Mit der Präsentation der Sammlung The Phoebus Foundation wird ein einzigartiger Einblick in Belgiens reiche Kunst des späten 19. Jahrhunderts ermöglicht. Gemeinsam mit den französischen Werken aus der Sammlung Rau für UNICEF entsteht ein Dialog, der die enge künstlerische Vernetzung Europas zwischen den Metropolen Brüssel und Paris im Fin de Siècle sichtbar macht.
Netzwerke der Moderne – Belgien und Frankreich
Dieses enge Zusammenspiel zwischen Brüssel und Paris prägte die Entwicklung neuer Kunstströmungen um 1900. Die beiden Metropolen entwickelten sich zu pulsierenden Zentren der Avantgarde, wo Künstler wie Claude Monet, Paul Signac, Auguste Renoir, George Minne oder James Ensor im regen Austausch miteinander standen. Diese internationalen Verbindungen ließen die Grundlagen entstehen für den Impressionismus, den Pointillismus, Symbolismus und schließlich den Fauvismus, die einander in ihrer Dynamik befruchteten.
Die Gliederung der Ausstellung
Insgesamt ist die Ausstellung Seelenlandschaften in vier thematische Kapitel gegliedert, die den Besucherinnen und Besuchern eine atmosphärische Annäherung an diese Epoche ermöglichen:
Licht an! Der Impressionismus in Frankreich und Belgien
Dieses Kapitel eröffnet mit dem Licht des Impressionismus – jener künstlerischen Revolution, die in den 1870er Jahren aus Paris heraus die Malerei veränderte. Claude Monet, Auguste Renoir und ihre Mitstreiter suchten das Flüchtige des Moments, das Wechselspiel von Licht und Atmosphäre, und brachten es in vibrierenden Farben auf die Leinwand. In Belgien fanden ihre Ideen bei Künstlern wie Emile Claus fruchtbaren Boden. Claus, der mit französischen Kollegen wie Camille Pissarro und Claude Monet in engem Austausch stand, entwickelte mit seiner Gruppe Vie et Lumière den sogenannten Luminismus – eine Variante des späten Impressionismus, die das Leuchten und Spiegeln des Sonnenlichts in der Natur in den Mittelpunkt rückte. In der Ausstellung treten seine strahlenden Ansichten der flämischen Leie in einen faszinierenden Dialog mit den lichtgetränkten Winterlandschaften Monets. Gemeinsam erzählen sie von einer Zeit, in der Malerei zur Schule des Sehens wurde – geprägt von wissenschaftlicher Neugier und dem Wunsch, die Welt im Wandel des Lichts zu erfassen.
Farbleuchten. Die Pointillisten in der Gruppe Les Vingt
In der pulsierenden Metropole Brüssel formierte sich 1883 die Künstlervereinigung Les Vingt – zwanzig kreative Köpfe, darunter James Ensor, Fernand Khnopff und Théo van Rysselberghe, die den Kontakt zu internationalen Avantgarden suchten. Inspiriert von den Pariser Neoimpressionisten Georges Seurat und Paul Signac übernahmen die belgischen Künstler deren Methode des Pointillismus, bei der reine Farben ungemischt in kleinsten Punkten nebeneinander gesetzt wurden. Erst im Auge der Betrachtenden verschmelzen sie zu einer leuchtenden Harmonie. Van Rysselberghe und Signac verband eine lebenslange Freundschaft, die sich in ihren farbig vibrierenden Seestücken spiegelt. Die belgische Variante dieses Stils verbindet analytische Farbtheorie mit poetischer Stimmung – sichtbar bei Georges Lemmen oder Henry Van de Velde, der aus der Bewegung heraus den Jugendstil maßgeblich mitprägte. So wird Brüssel zum Brückenkopf einer europäischen Moderne, in der Malerei, Design und Literatur zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. „ Wenn ein Maler seine Zeit malen soll, soll er die Leidenschaften und die Seele dieser Zeit malen.“ Félicien Rops an Edmond Picard 1923
Die Landschaft der Seele. Die Brüsseler Symbolisten der Libre Esthétique
Mit dem Symbolismus wendet sich der Blick nach innen. In den 1890er Jahren löste die Vereinigung La Libre Esthétique die Les Vingt ab und wurde zur Bühne eines neuen, psychologisch durchdrungenen Kunstverständnisses. Inspiriert durch die Philosophie Schopenhauers und die Psychoanalyse Freuds, richteten sich nun alle Blicke auf die „Seelenlandschaften“ des Menschen. Künstler wie Léon Spilliaert, Fernand Khnopff, Félicien Rops und James Ensor erkundeten Träume und menschliche Abgründe. Beispielhaft zu sehen an Ensors Masken, satirisch-grotesken Zerrbildern des Ich, während Spilliaerts melancholische Gestalten wie Schatten durch die nächtlichen Straßen von Ostende wandeln. Auch die asketischen Skulpturen von George Minne oder die stillen Landschaften von Valerius De Saedeleer erzählen von dieser Suche nach Innerlichkeit und Transzendenz. Mit der „Landschaft der Seele“ wird das Bild endgültig zur Projektionsfläche des Unsichtbaren – ein Sinnbild für die geistige Unruhe am Ende des Jahrhunderts.
Die Revolution des Ausdrucks. Die Fauves im Salon d’Automne
Den Abschluss bildet der Aufbruch in die Moderne – eine Explosion der Farbe und des Lebensgefühls. Als der Pariser Salon d’Automne 1905 seine Tore öffnete, sprach der Kritiker Louis Vauxcelles von den „wilden Bestien“ (fauves) und gab damit einer Bewegung ihren Namen. Künstler wie André Derain und Maurice de Vlaminck brachen radikal mit den Konventionen: Farbe wurde nicht länger Abbild, sondern Ausdruck purer Emotion. In Belgien fand dieser revolutionäre Impuls bei Künstlern wie Rik Wouters und Edgard Tytgat begeisterte Aufnahme. Ihre Werke spiegeln Lebensfreude, Sinnlichkeit und Bewegung – eine heitere Gegenwelt zum dunklen Symbolismus. Die Ausstellung zeigt, wie aus diesem emotionalen Farbrausch jene künstlerische Freiheit wuchs, die den Weg zur Abstraktion und damit zur Moderne ebnete.
Über The Phoebus Foundation, Antwerp
The Phoebus Foundation, Antwerp ist eine Kunststiftung mit philanthropischen Zielsetzungen. Die Stiftung erwirbt Kunstwerke und stellt einen professionellen Rahmen für deren Erhaltung und Verwaltung bereit, gewährleistet ihre Bewahrung und Restaurierung und strebt ein hohes Niveau wissenschaftlicher Forschung an. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden so umfassend wie möglich durch Ausstellungen und Leihgaben, kulturelle Veranstaltungen, Symposien und Publikationen vermittelt. Im Jahr 2023 wurde The Phoebus Foundation vom belgischen Justizminister offiziell als Gemeinnützige Stiftung (niederländisch: Stichting van Openbaar Nut) anerkannt. Sie wurde mit dem Ziel gegründet, die Zukunft der Sammlung zu sichern, die ursprünglich eine private Sammlung von Fernand Huts und Karine Van den Heuvel bzw. der familiengeführten Katoen-Natie-Gruppe war.
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Foto: James Ensor, Skelett verhaftet Maskierte, 1891, © The Phoebus Foundation, Antwerp
