Die historische Bedeutung des Wortes Casino
Wer in einem Casino sitzt und auf die nächste Roulette Kugel wartet, denkt selten über den Namen des Ortes nach, an dem er sich befindet. Dabei steckt in diesem einfachen Wort eine überraschend tiefe Geschichte. Die Bedeutung des Wortes Casino geht auf das Italienische zurück, genauer gesagt auf das venezianische Dialektwort „casino", das sich vom lateinischen „casa" (Haus) ableitet. Wörtlich übersetzt bedeutet es schlicht „kleines Haus" oder „Häuschen".
Ursprünglich bezeichnete der Begriff keine Spielstätte, sondern kleine Räumlichkeiten, die venezianische Nobili in der Nähe des Dogenpalastes unterhielten. Dort legten sie ihre Amtstracht an, bevor sie an den Sitzungen des Großen Rates teilnahmen. Diese kleinen Häuser dienten also zunächst einem profanen, verwaltungstechnischen Zweck - von Glücksspiel keine Spur. Mit der Zeit wurden sie jedoch auch als gesellschaftliche Treffpunkte genutzt: Man trank, unterhielt sich, musizierte und begann schließlich, Karten und Würfel zu zücken.
So vollzog sich schleichend eine der interessantesten Bedeutungsverschiebungen der Kulturgeschichte. Ein unscheinbares Umkleidehaus wurde zum Synonym für eine der meistbesuchten Unterhaltungseinrichtungen der Welt. Interessant dabei: Im englischen Sprachraum tauchte das Wort „Casino" erstmals 1744 auf, zunächst mit der Bedeutung „öffentlicher Raum für Musik oder Tanz". Erst ab etwa 1820 etablierte sich die Casino Bedeutung als Ort des aristokratischen Glücksspiels, die wir heute kennen.
Das erste Casino der Welt: Venedig, 1638
Das erste öffentliche Glücksspielhaus der Welt entstand im Jahr 1638 in Venedig und sein Name war nicht Casino, sondern „Ridotto". Beheimatet war es im Palazzo Dandolo, einem prachtvollen Palast direkt am Canal Grande. Ridotto leitet sich von „ridurre" ab und bedeutet so viel wie „zurückgezogener Ort" oder „abgetrennter Bereich". Die venezianische Regierung hatte den Ridotto ganz bewusst eingerichtet, nicht aus Spielbegeisterung, sondern aus einem sehr praktischen Grund: Das Glücksspiel sollte aus den Hintergassen und unkontrollierten Hinterzimmern der Stadt in eine staatlich überwachte Einrichtung verlagert werden.
Der Ridotto war alles andere als ein Ort für jedermann. Zugang hatten ausschließlich Angehörige der venezianischen Oberschicht, die zudem einen strengen Dresscode einzuhalten hatten. Gespielt wurde hauptsächlich Biribi und Basette, Spiele, die entfernt an das heutige Baccarat und Blackjack erinnern. Musik und Tanz begleiteten das Spielgeschehen. Was heute als klassisches Casinogefühl gilt, die Verbindung aus gesellschaftlichem Ereignis, Unterhaltung und Glücksspiel, wurde hier erstmals in einer institutionalisierten Form erlebbar.
Der Ridotto lief so gut, dass er Schule machte. Andere europäische Länder, allen voran Frankreich und Holland, griffen das Konzept rasch auf. Gleichzeitig entzündete sich früh eine politische Debatte um die gesellschaftlichen Folgen des organisierten Glücksspiels. 1774 schloss die venezianische Regierung den Ridotto mit dem Argument, er ruiniere die venezianische Aristokratie finanziell. Unmittelbar danach entstanden in den Kaffeehäusern der Stadt über 130 private Spielhöllen. Das war ein Zeichen dafür, dass das Verbot das Problem nicht löste, sondern lediglich verlagerte.
Kurort und Spielbank: Das Casino im 18. und 19. Jahrhundert
Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte das Casinowesen in Europa seinen ersten großen Boom, und zwar ausgerechnet in den Kur- und Badeorten, die damals als Erholungsorte der gesellschaftlichen Elite galten. Städte wie Baden-Baden, Bad Homburg, Wiesbaden, Aachen und das belgische Spa wurden zu Zentren des Glücksspiels. Die Logik dahinter war simpel: Wohlhabende Gäste reisten zur Kur, hatten Zeit und Geld im Überschuss und brauchten Unterhaltung.
Das Casino in Baden-Baden ist dafür das wohl bekannteste Beispiel aus Deutschland. Es profitierte enorm von seiner Nähe zur französischen Grenze. Nachdem Frankreich nach der Französischen Revolution seine Spielbanken geschlossen hatte, strömten die Spieler einfach über die Grenze. Auch Napoleon, der Glücksspiel eigentlich misstrauisch gegenüberstand, erkannte dessen staatlichen Nutzen und hob 1806 das nach der Revolution erlassene Spielverbot auf und das nicht aus Überzeugung, sondern um seine Kriegskasse aufzufüllen. Er ließ alle Pariser Casinos in den Bereich des Palais Royal verlegen, um sie besser kontrollieren zu können.
Besonders prägend für das europäische Casinobild des 19. Jahrhunderts wurde jedoch Monte Carlo. Das Fürstentum Monaco, damals am Rand des Ruins, rettete sich buchstäblich durch sein Casino. 1863 eröffnet, zog das Casino de Monte-Carlo schnell die Reichen und Berühmten Europas an und wurde zu einem Symbol für Glamour, Risiko und gesellschaftliches Prestige. Es war nicht mehr nur ein Ort zum Spielen - es war ein Ereignis. Die Kombination aus Opulenz, Meeresblick und dem Reiz des Risikos schuf ein Bild des Casinos, das bis heute in der Popkultur nachhallt. Auch die prunkvolle Ausstattung und die ausgestellte Kunst in Monte Carlo trugen dazu bei, dass der Besuch des Casinos zu einem gesellschaftlichen Ereignis wurde.
In Deutschland verlief die Geschichte in dieser Phase weniger glamourös. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurden sämtliche deutschen Spielbanken geschlossen und blieben es für Jahrzehnte.
Las Vegas: Die Erfindung des modernen Casinos
Was Europa langsam aufgebaut hatte, sprengten die Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert in einem atemberaubenden Tempo in neue Dimensionen. 1931 legalisierte der Bundesstaat Nevada das Glücksspiel und ebnete damit den Weg für eine Stadt, die heute untrennbar mit dem Begriff Casino verbunden ist: „Las Vegas“. Aus einer kleinen Wüstenstadt wurde innerhalb weniger Jahrzehnte die Unterhaltungshauptstadt der Welt.
Was Las Vegas von allem Vorherigen unterschied, war die Radikalität des Konzepts. Ein Casino war hier keine Spielbank mehr, es war ein Resort. Die großen Häuser am berühmten Strip boten Hotels, Restaurants, Shows, Konzerte und Shopping unter einem Dach. Künstler wie Frank Sinatra und Dean Martin traten in den Casinohotels auf. Das Glücksspiel wurde Teil eines umfassenden Unterhaltungspakets, das gezielt darauf ausgelegt war, die Besucher so lange wie möglich in den Mauern des Establishments zu halten. Die Uhr fehlt im Casino nicht aus Versehen – es ist Absicht.
Meilensteine wie die Eröffnung des Caesars Palace (1966) oder des Mirage (1989) setzten immer neue Standards. Heute zieht der Las Vegas Strip jährlich rund 40 Millionen Besucher an. Die Casinos dort erzielen zusammen Milliardenumsätze und beschäftigen Hunderttausende Menschen. Las Vegas hat das Casino als Kulturform neu definiert und der Rest der Welt hat das Modell übernommen: von Macau über Singapur bis Monaco.
Das Casino als Kulturstätte: Mehr als nur Glücksspiel
Wer heute ein modernes Casino betritt, sei es in Baden-Baden, Monte Carlo oder Wien, erlebt oft weit mehr als einen Ort des Glücksspiels. Viele dieser Häuser sind architektonische Meisterwerke, in denen Geschichte spürbar ist. Das Kurhaus Baden-Baden etwa, in dem sich die dortige Spielbank befindet, wird auch als „schönstes Casino der Welt" bezeichnet – ein Urteil, das Marlene Dietrich zugeschrieben wird. Das „Casino di Venezia“ am Canal Grande ist heute das älteste noch aktive Casino der Welt und empfängt jährlich Tausende Besucher, die ebenso wegen des historischen Flairs kommen wie wegen der Spieltische.
Casinos sind im Laufe ihrer Geschichte zu kulturellen Institutionen geworden. Sie sind Schauplätze von Literatur, Film und gesellschaftlichem Wandel. Dostojewski verarbeitete seine eigene Spielsucht in seinem Roman „Der Spieler", der in Wiesbaden spielt. Ian Flemings James Bond ist ohne das Casino als dramaturgischen Schauplatz kaum denkbar. Und Filme wie „Casino" (1995) oder „Ocean's Eleven" (2001) haben das Casino als Sinnbild für Risiko, Luxus und menschliche Gier tief im kollektiven Bewusstsein verankert.
Die digitale Ära: Wenn das Casino ins Wohnzimmer kommt
Die jüngste und in mancher Hinsicht revolutionärste Etappe der Casinogeschichte begann in den 1990er Jahren. 1994 wurde die erste Glücksspielsoftware veröffentlicht, und die ersten Online Casinos gingen an den Start. Was zunächst ein Nischenphänomen war, wuchs sich schnell zu einer weltweiten Industrie aus. 1996 gab es gerade einmal 15 Online-Anbieter, nur ein Jahr später waren es bereits 200.
Heute ist der globale Markt für Online-Glücksspiele Hunderte von Milliarden Euro schwer – Tendenz steigend. In Deutschland wurde das Angebot über lange Zeit durch restriktive Gesetzgebung eingeschränkt, doch seit dem „Glücksspielstaatsvertrag 2021“ ist der Markt reguliert und lizenziert zugänglich. Die Spielbanken der Gegenwart sind portabel, rund um die Uhr verfügbar und passen in jede Jackentasche. Ob das den Geist des Ortes bewahrt, den venezianische Nobili einst als ihr „kleines Haus" bezeichneten - darüber lässt sich trefflich streiten.
Was bleibt, ist die Faszination. Über Jahrtausende hinweg haben Menschen gespielt, gewettet und auf ihr Glück gesetzt. Das Casino ist in diesem Sinne nicht nur ein Gebäude oder eine App. Es ist der institutionalisierte Ausdruck eines zutiefst menschlichen Impulses.
Foto: A.Savin, Das Casino in Baden-Baden (BW, Deutschland). Das Foto zeigt den Salon Pompadour. CC BY-SA 3.0
